Inszenierende Fotografie

Von Andreas Müller-Pohle

Fotografie ist immer Inszenierung. Von "inszenierender Fotografie" als einer Tendenz oder Gattung zu sprechen hat deshalb nur Sinn, wenn von einer Inszenierungsabsicht ausgegangen werden kann.1


I
Zwei Typen von Fotografen sind zu unterscheiden, der Finder und der Erfinder.

Der Finder arbeitet "im Gehen" nach dem Vorbild des Jägers und Sammlers.2 Seine Tätigkeit kann als ein "szenisches Suchen" beschrieben werden: er holt etwas aus Szenen heraus, er verhält sich perzeptuell.

Der Erfinder arbeitet hingegen "im Stehen" nach dem Vorbild des seßhaften Produzenten.3 Seine Tätigkeit ist ein "in-szenisches Versuchen": er stellt etwas in Szenen hinein, er verhält sich konzeptuell.

"Suchen und Finden" ist demnach eine naturgewandte Geste, "Versuchen und Erfinden" eine kulturgewandte. Zum Erfinder wird, wem sich die Natur versagt. Eben dies kennzeichnet den gegenwärtigen Zustand der Fotografie: Die Realität, die die Natur des Fotografen ist, hat sich ihm zu versagen begonnen. Wenn aber die Realität versagt, muß man sie neu erfinden.


II

Der fotografische Aufnahmeprozeß kann als ein Zusammenwirken von vier elementaren Faktoren beschrieben werden: Ein Subjekt behandelt eine Apparatur derart, daß diese von einem Objekt reflektiertes Licht in ein Bild transformiert. Ausgehend von diesen Komponenten lassen sich fünf Arten der Inszenierung unterscheiden:

– die Inszenierung des Subjekts, also die Selbstinszenierung des Fotografen vor der Kamera (–> Selbstporträt, Performance, Body Art);

– die Inszenierung des Apparats (der fotografischen Hard- und Software) im Sinne eines gegen sein Funktionsprogramm (seine Gebrauchsanweisung) gerichteten Einsatzes oder durch Verknüpfung mit anderen Apparaturen, wie Computer oder Laser (–> Visualismus, Generative Fotografie);

– die Inszenierung des Objekts, die Konstruktion, Fabrikation, Arrangierung eines Gegenstands oder einer Situation zum Zwecke der Aufnahme (–> Stilleben, "fabricated to be photographed" u.a.);

– die Inszenierung des Lichts durch Einsatz alternativer Lichtquellen oder durch erweiterte Nutzung des elektromagnetischen Spektrums (–> "photographis interruptus", Infrarotfotografie, Röntgenfotografie u.a.)4;

– die Inszenierung des Bildes selbst, also die Überführung des Apparat-Outputs in eine Metastruktur, sei diese fotografisch (–> Sequenz, Tableau, Montage, Fotoobjekt) oder multimedial (–> Collage, Foto/Text, Foto/Malerei u.a.); es handelt sich hier um einen mehrstufigen Prozeß.

Der Inszenierungsspielraum der Fotografie ist also weiter zu fassen als dies gemeinhin der Fall ist, wenn unter Inszenierung ausschließlich die Inszenierung des Gegenstands verstanden wird – eine Einengung, die, da sie alle übrigen am Bildprozeß beteiligten Faktoren negiert, nur der puristischen Ideologie einer "objektiven" Fotografie dient. Zugleich wird aber auch deutlich, daß "inszenierende Fotografie" nicht als eine starre ästhetische Kategorie aufgefaßt werden kann, sondern vielmehr im Sinne einer strategischen Orientierung zu verstehen ist: Zwischen dem Ideal des Funds und dem der Erfindung liegt keine kategoriale Trennlinie, sondern ein Kontinuum.


III

Von bestimmten Genres abgesehen, die seit jeher als Domänen der Inszenierung gelten können (wie Pornografie oder Werbung), stellt sich die Geschichte der Fotografie als ein Pendeln zwischen diesen beiden Polen dar: Gegen die ab den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts entstehende Salonfotografie mit ihren theatralischen Arrangements entwickelte sich drei Jahrzehnte später eine am Vorgefundenen orientierte, überwiegend von Amateuren getragene "Fotografie nach der Natur". Die Stilisierung und impressionistische Verklärung, die diese Fotografie gegen Ende des Jahrhunderts kennzeichneten, riefen wiederum eine Gegenbewegung der sachlichen, reinen, geradlinigen ("straight") Fotografie hervor, die ihren Höhepunkt in den 20er Jahren dieses Jahrhunderts erreichte. Nach dem Zweiten Weltkrieg stand dem subjektiven Ideal einer "absoluten fotografischen Gestaltung" (Otto Steinert) das Postulat nach "totaler Wirklichkeitsfotografie" (Karl Pawek) gegenüber, das seinen Triumph mit der "Live"-Fotografie der 60er Jahre feierte und in eine Bildkultur mündete, welche der Konzeptfotografie in den 70er Jahren zum Ausgangspunkt ihrer medienanalytischen Untersuchungen wurde. Ende der 70er Jahre schließlich bildete sich mit dem Dokumentarismus abermals eine puristische Tendenz, in deren Opposition sich Neosubjektivismus und Visualismus entwickelten.

Heute, in der zweiten Hälfte der 80er Jahre, ist die Krise der "Straight photography", des Fotopurismus, des Fotografismus5 – trotz gegenteiliger Beteuerungen Betroffener – nicht mehr zu leugnen. Es ist eine ethische und zugleich ästhetische Krise, in der der Verfall der Glaubwürdigkeit der Fotografie und ihre zunehmende Redundanz Hand in Hand gehen. Werden neue technologische Entwicklungen aus ihr herausführen können, wie dies in der Vergangenheit mit der Kleinbildtechnik, der Farbfotografie oder dem Sofortbildverfahren der Fall war?

Die technologischen Vorzeichen deuten eher in eine andere Richtung, nämlich in Richtung Funktionalisierung der Fotografie durch den Computer und Versklavung des analog-fotografischen Bildes durch die neuen digitalen Bildsysteme. Die Fotografie der Zukunft ist das elektronische Bild – ein Bild, das aus vorangegangenen Bildern synthetisiert, prozessiert, inszeniert wurde, um selbst reprozessiert und rezykliert zu werden; ein Bild also, bei dem Finden und Erfinden in eine neue, zyklische Beziehung treten: bei dem der Fund nicht mehr, wie in der klassischen Fotografie, das Ergebnis des kreativen Prozesses ist, sondern Vorstufe und Material für Erfindungen.

Insofern sind die Strategien der inszenierenden Fotografie die Bildstrategien der Zukunft.


1 Die bis heute treffendste Analyse der Inszenierungsfotografie stammt von A.D. Coleman aus dem Jahre 1976, The Directorial Mode: Notes Toward a Definition. In: Light Readings. New York: Oxford University Press, 1979, S. 246–257.

2 "Finden" bedeutet ursprünglich "auf etwas treten".

3 "Erfinden" und "inszenieren" (engl. staging, von to stand, to place) werden hier synonym gebraucht.

4 "Fotografie" im weitesten Sinne bezeichnet eine Summe von Verfahren zur Aufzeichnung elektromagnetischer Strahlung: "Photo-graphie" = "Schreiben mit Photonen".

5 "Fotografismus" ist der Versuch, den Fotopurismus in die Postmoderne hinüberzuretten; vgl. Andreas Müller-Pohle: Informationsstrategien; in: European Photography 21, Göttingen, 1985 (6. Jg.), S. 5–14


© 1988 Andreas Müller-Pohle. Erstveröffentlichung in European Photography 34, "German Stagings", Göttingen, Jg. 9, Nr. 2, April/Mai/Juni 1988

 

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